Randbemerkungen zur Biennale 2026
Dr. Prof. Massimo Mazzone
Escuela Moderna del Raval, Accademia di Belle Arti di Brera, Mailand (Italien), UGR Granada, U.S. Sevilla (Spanien)
Text der Lectio Magistralis von Massimo Mazzone im Rahmen des Public Program des Pavillons von Äquatorialguinea

Diese Konferenz versteht sich als Beitrag zur ursprünglichen Idee von Koyo Kouoh, In Minor Keys. Sie versammelt Druckmaterialien, Videos, Fotografien, Dokumente und historische Zeugnisse und entwickelt daraus eine radikale soziale und politische, antikoloniale und antimilitaristische Perspektive, die zugleich konzeptuell wie allgemein verständlich sein möchte.
Die Materialien sind daher heterogen: historische Dokumente, Familienerinnerungen, alte und zeitgenössische Bücher und Zeitschriften, Souvenirs, Materialien zu Kunstwerken, Monumenten und ikonischen Architekturen, ebenso städtebauliche Analysen existenzieller und gebauter Randgebiete. All dies visuell aufbereitet, um unterschiedliche Blickwinkel und Interpretationen der ausgestellten Materialien zu erlauben.
Der Untertitel Italiani brava gente? hätte ebenso Kolonien, Provinzen, Peripherien lauten können. Denn es geht darum, eine kulturelle Situation sichtbar zu machen, die Forschungsarbeit in Italien und allgemein im globalen Norden, verortet außerhalb der vermeintlichen kulturellen Hegemonie, die uns alle als Mitverantwortliche eines eurozentrischen westlichen Kolonialismus begreift. Letztlich befinden wir uns selbst in eher marginalen Positionen: entweder als bloße Wiederholer oder Verstärker von anderswo bestimmten Debatten – eine Rolle, die traditionell den Kolonisierten zugeschrieben wurde – oder als eine Art neuer Provinzler, die lokale und nationale Produktionen verteidigen, um dann doch an der existenziellen wie geografischen Peripherie des internationalen Diskurses zu verbleiben.
Gerade deshalb erscheint es wichtig, der idealistischen Eingebung der verstorbenen Kuratorin der Biennale 2026 zu folgen – und dies in einem afrikanischen Pavillon zu tun, in dem Nationalpavillon von Äquatorialguinea, das erstmals auf der Biennale vertreten ist. Italiani brava gente? geht auf eine Performance unserer Kollegin und Freundin Elisa Franzoi zurück, die im M^C^O in Mailand anlässlich von eXplOit (Katalog erschienen bei Bordeaux Edizioni 2015) realisiert wurde. Das Projekt verstand sich als eine Art Anti-Expo: Hunderte Papierflugzeuge bombardierten den zentralen Saal und erinnerten an die italienischen Ursprünge der Luftbombardements gegen Zivilbevölkerungen – ein Thema von bedrückender Aktualität.
Vor einigen Jahren, auf der 56. Biennale von Venedig 2015, zeigte der serbische Pavillon – ehemals Jugoslawien – ein kleines Meisterwerk von Ivan Grubanov: United Dead Nations. Die Installation griff die historisch etablierte Verwendung von Flaggen in der Kunst auf, wie sie von Künstlern wie Jasper Johns, Andy Warhol, Santiago Sierra, Alighiero Boetti und vielen anderen entwickelt wurde. Sie zeigte, wie nationale Pavillons, die – während sie aus einer antikolonialen Perspektive fast alle geschlossen werden oder, aus einer gegenteiligen Perspektive, gerade als Orte des kulturellen Austauschs offen bleiben sollten – heute weiterhin relativ freie Räume darstellen. Sicher, sie sind abhängig von Entscheidungen nationaler Regierungen, oft jedoch weitgehend immun gegenüber unmittelbaren Marktlogiken.
Dies sage ich auch, um meine persönliche Haltung gegenüber jenen Polemiken zu verdeutlichen, die der Biennale kaum gerecht werden. Die Institution besitzt heute ein Gewicht beinahe auf ministerialer Ebene und hat sich – insbesondere dank Persönlichkeiten wie Paolo Baratta und seine Erben Andrea Del Mercato oder Roberto Cicutto – über Jahrzehnte hinweg erneuert, ohne sich vorschnell kurzfristigen Moden oder oberflächlichen Meinungen zu unterwerfen. Diese Polemiken halten einer ernsthaften Analyse nicht stand.
Es lohnt sich jedenfalls, sich daran zu erinnern, dass Venedig auf Arabisch al-bunduqiyya heißt – البندقية „das Gewehr“. Waffenhandel ist eben eine langlebige italienische Tradition. Leonardo ist eben nicht nur ein italienischer Rüstungskonzern, sondern auch das Genie der Rennaissance, für dessen Erfindungen sich damals sozusagen das Großkapital interessierte. Selbst ohne jüngere Fernsehreportagen von Report auf RAI oder die Kommentare Marco Minnitis weiß jeder: Seit Jahrhunderten werden, vor allem aus Norditalien, Waffen produziert und exportiert.
Als Teil der Escuela Moderna Ateneo Libertario del Raval, eines anarchistischen Zirkels, den ich in diesem afrikanischen Kontext allerdings nicht offiziell vertrete, erkenne ich an, dass es ein mutiger Schritt war, uns im vergangenen Jahr den russischen Pavillon anzuvertrauen. Dabei waren Nicoletta Braga, Zhenru Liang und Francesco Apuzzo vom raumlaborberlin (Goldener Löwe Architektur 2017). Ebenso bedeutsam war die Einladung in den Parco Aperto Mestre im Rahmen des Pilotprojekts Ecologia(A) Sociale (2023), der sich offen zu Rojava und zum Demokratischen Konföderalismus nach Murray Bookchin und Abdullah Öcalan bekannte: ein nichtstaatliches politisches und soziales Modell, das für direkte Demokratie, Ökologie und Frauenbefreiung einsteht.
Angesichts eines immensen kulturellen Erbes – landschaftlich, archäologisch und modern – erscheinen die zeitgenössischen kulturellen Produktionen Italiens oft nahezu irrelevant. Die Finanzierung nationaler Museen für Gegenwartskunst bleibt minimal. Nicht nur das, wie Franco Berardi häufig betont, besang der historische Faschismus zumindest zeitweise Jugend, Vitalität und Expansion; der heutige Neofaschismus dagegen, deutlich neoliberaler geprägt, erscheint seit den Strategien der Nachkriegszeit als eine Gerontokratie auf radikal-atlantischen, neokolonialen und letztlich nekropolitischen Positionen, die kurzsichtig und korrupt die Macht als solche verherrlichen.
Der Demokratische Konföderalismus kurdischer Prägung erscheint demgegenüber als Alternative zum Nationalstaat. Er fördert lokale Selbstbestimmung durch Versammlungen und Räte. Ähnliche libertäre Einflüsse lassen sich auch in den Künsten erkennen – etwa bei Saburo Teshigawara (Goldener Löwe Tanz 2022) oder in der italienischen Arbeiterpoesie der Beat Generation von Ferruccio Brugnaro, Sandro Sardella oder Paola Brotali. Und denken wir an Vicente Todolí und David Liver, wenn man Spanien oder Venezuela vertreten kann, ohne Spanier oder Venezolaner zu sein, dann würde ich empfehlen, entweder alles besetzen oder alles zu öffnen – selektive Ausschlüsse hingegen würden letztlich bedeuten, kulturelle Brücken abzubrechen, die nicht die Völker betreffen, sondern die Regierungen.
Der verstorbenen Kuratorin wurde vorgeworfen, Teil einer kapitalistischen afrikanischen Elite zu sein – afrikanischer Herkunft, aber vom Kapitalismus geprägt. Tote zu verleumden ist widerwärtig, und mir erscheinen solche Vorwürfe eher als Ausdruck verständlicher Wut, die angesichts komplexer historischer Verhältnisse sehr kurzsichtig ist. Und damit hoffe ich, meinen kleinen Beitrag zu den noch laufenden Debatten gegeben zu haben.

Kolonialismus / Antikolonialismus / Neokolonialismus
Wir leben inmitten einer Großen Täuschung. Die faschistische Propaganda in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat eine direkte Linie zwischen dem antiken Rom und der faschistischen Diktatur erfunden. Selbst der sogenannte „römische Gruß“, bekannt aus Hollywoodfilmen, ist Ergebnis dieser propagandistischen Erfindung. Inspiriert wurde er unter anderem vom Gemälde Der Schwur der Horatier (1784) von Jacques-Louis David. Er wurde von Gabriele D’Annunzio übernommen und später vom Faschismus instrumentalisiert, obwohl historisch längst klar ist, dass ein solcher Gruß im Römischen Reich nie existierte und dass die zwanzig Jährchen jenes lächerlichen Regimes schwerlich auf der historischen Messlatte Roms ablesen ließen.
Das antike Rom bedeutete zweifellos Expansion und Imperialismus, aber ebenso Literatur, Philosophie, Kunst, Architektur, Ingenieurswesen und Recht – kurz: Kultur. Augustus oder Marcus Aurelius mit Benito Mussolini gleichzusetzen, war nur im Größenwahn des Diktators möglich.
Italien hat sich weder mit dem Faschismus noch mit seiner kolonialen Vergangenheit ernsthaft auseinandergesetzt. Das zeigt sich bis heute in der besächmenden Toponymie öffentlicher Gebäude voller faschistischer Symbole, in Straßennamen, Monumenten und Inschriften, die niemals kritisch dekonstruiert wurden.
Daher analysiert dieser Beitrag einige Beispiele der römischen Toponymie – von der Piazza dei Cinquecento bis zum Obelisken des Foro Italico, von den absureden Inschriften des quadratischen Kollosseums in der Via dell’Amba Aradam über sogenannte „afrikanische“ Viertel bis hin zu den fasces an zahllosen Fassaden römischer Gebäude.
Doch das Phänomen ist keineswegs auf Rom beschränkt. In ganz Italien existieren weiterhin Kinos, die „Impero“ heißen, Drogerien, die „Kolonialwaren“ verkaufen, Straßen und Plätze, benannt nach zweifelhaften Persönlichkeiten der jüngeren Geschichte. Da sind zum Beispiel die Via Pende in Bari, benannt nach Nicola Pende, oder die Via Sabato Visco in Salerno, oder die Piazza Marcello Ricci in Sestri Levante – alles einem Unterzeichner des faschistischen Rassenmanisfests. Ebenso bestehen noch immer Ehrungen für Figuren wie Italo Balbo, den Militärkaplan Reginaldo Giuliani oder Vorschläge, Straßen nach Giorgio Almirante zu benennen. Letzterer war verantwortlich für die „Rassenfrage“, war Falangist und Mörder im Spanischen Krieg und Mitbegründer der neofaschistischen Partei M.S.I.
Diese Debatten gehen den Diskussionen von Black Lives Matter voraus, die seit 2013 international auf koloniale und faschistische Kontinuitäten aufmerksam gemacht haben. Auch Ruth Ben-Ghiat sul The New Yorker und Laura Boldrini haben auf die vielen Fälle aufmerksam gemacht, wo mit unter dem Vorwand des Denkmalschutzes faschischtische Ehrungen unangetastet bleiben. Erschreckend ist nicht nur die Signatur Mussolinis auf Monumenten oder die Inschrift MUSSOLINI DUX, sondern auch die Normalisierung solcher Symbole im öffentlichen Raum. Der damalige Ministerpräsident Matteo Renzi präsentierte die Bewerbung Roms für die Olympischen Spiele vor dem monumentalen Gemälde von Luigi Montanarini „Apotheose des Faschismus“ (1928) im Foro Italico. Wäre ein vergleichbares Bild mit Francisco Franco, Adolf Hitler oder Philippe Pétain, mit Salazar oder Caetano in anderen europäischen Ländern vorstellbar gewesen?
Hierzu betrachten wir einige Arbeiten unserer Kollegin Laura Pinta Cazzaniga zum Thema des Anti-Monuments. Die hervorragende Lichtinstallation von Arnold Holzknecht und Michele Bernardi in Bozen mit dem Satz „NIEMAND HAT DAS RECHT ZU GEHORCHEN“ nach Hannah Arendt eröffnete wichtige Diskussionen darüber, wie Monumente heute neu kontextualisiert werden können. Ich glaube, dass es noch viele Wege gibt, wie wir auf diesem Wege von Fall zu Fall die Würde der demokratischen Geschichte unseres Landes wiederherstellen können. Das betrifft Namensgebungen, sogenannte Monumente, Skulpturen, Mosaike, Gemälde, Mauerinschriften, das Rutenbündel usw. – sie alle müssten behutsam neue Bedeutungen erhalten. Man könnte sie ganz oder teilweise abreißen und ihre Ruinen erklären. Ich bin selbst Bildhauer und beschäftige mich seit 1994 mit der modernen italienischen Architektur, mit Planstädten wie Fertilia und Sabaudia, mit Architekten wie Angiolo Mazzoni. Ich habe sowohl Texte, als auch Aquarelle und Skulpturen produziert, die sich auf italienische architektonische Meisterwerke beziehen; dazu gehören das Postamt von Mario Ridolfini, der Palazzo della civiltà italiana von Guerrini und Lapadula, Postgebäude von Adalberto Libera in Rom, von Vaccaro in Neapel und nicht zuletzt von Del Debbio in Rom. Zugleich habe ich mit bedeutenden Architekten wie Massimiliano Fuksas, EMBT, Ricci und Spaini, aber auch mit Historikern wie Juan José Lahuerta oder Giorgio Muratore gearbeitet.

Der europäische Kolonialismus war oft auch ein innerer Kolonialismus. Katalonien ist dafür ein eklatantes Beispiel; ebenso existieren in Italien Formen kultureller Unterdrückung gegenüber slawischer, sardischer oder deutschsprachiger Kultur. Die antikolonialen Kämpfe Afrikas wirken bis heute nach – von Algerien über den Kongo bis zur Geschichte des staatlichen Moreds an Thomas Sankara.
Nicht zufällig stammen Denker wie Édouard Glissant und Frantz Fanon aus Martinique. Die Bewegung der Négritude entstand ab 1934 mit der Zeitschrift L’Étudiant noir durch Aimé Césaire, Léopold Sédar Senghor und Léon-Gontran Damas. Ebenso bedeutend sind Beiträge des brasilianischen Geografen Milton Santos oder das anthropophagische Manifest von Oswald de Andrade und Tarsila do Amaral. Unvergessen bleibt auch José Oiticica, elementarer Meisterdichter und Verbreiter des Anarchismus mit seinem Die Anarchie für alle, das auch seinen Nachfolger Helio Oiticica beeinflusste.
Der europäische Expansionismus plünderte fünf Kontinente im Namen vermeintlicher rassischer und moralischer Überlegenheit aus, zumeist im Namen irgendeines Gottes. Nazifaschismus und Nekrokapitalismus im Ehebund in Erwartung der Scheidung. Zentral für reaktionäre politische Theorien wurden dabei Autoren wie Donoso Cortés, Joseph de Maistre, Luoise de Bonald und vor allem Carl Schmitt, der Politik der staatlichen Willkür über die Unterscheidung von Freund und Feind definierte. Der „Feind“ bei Schmitt ist nicht irgendein Gegner, sondern „wesentlich, im engsten Sinne, etwas Anderes, das Fremde schlechthin“. Der Staat definiert sich durch die Festlegung des äußeren und inneren Feindes, des ersteren entledigt man sich durch Krieg, letzteren neutralisiert man, wenn er „Ruhe, Sicherheit und Ordnung“ des Staates stört. Der Begriff des „inneren feindes“ wurde eingehend auf dem Kongress deutscher nationalsozialistischer Juristen in Leipzig im Jahr 1933 beschworen, um die Rassenpolitik des Regimes zu rechtfertigen: ohne rassische Uniformität könne der nationalsozialistische Staat nicht existieren. Schmitts Konzeptionen führen also unweigerlich zur Konsequenz der Ausmerzung des Störfaktors. Aus dieser Logik des „inneren und äußeren Feindes“ lassen sich bis heute die Mechanismen neoliberaler und nationalistischer Systeme ableiten, nach denen bestimmt wird, wer verfolgt, ausgemerzt oder versklavt werden soll: Frauen, „die Ausländer“, Arme, Migranten, Arbeiter, Internationalisten, Anarchisten, aber auch Sozialisten, Demokraten, Sozialdemokraten, Reformisten, Bewohner rohstoffreicher Länder, Antimilitaristen, LGBTQ-Personen, Pazifisten, Gewaltlose, Kranke, Geisteskranke, Sinti und Rom, orthodoxe antizionistische Juden, Palästinenser, indigene Gemeinschaften und so weiter.
Dem „globalen Süden“ in In Minor Keys eine Stimme geben zu wollen, erscheint unter solchen Bedingungen beinahe utopisch. Weit entfernt scheinen jene Zeiten, als der zweiundzwanzigjährige Simón Bolívar am 15. August 1805 auf dem Monte Sacro in Rom schwor, Südamerika von der spanischen Herrschaft zu befreien. Doch Operation Condor, Geheimdienste und geopolitische Machtstrukturen sorgten später mit Gewalt dafür, die bestehenden Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten.
Die Vereinigten Staaten selbst entstanden einst aus einem antikolonialen Befreiungskampf – eine historische Tatsache, die heute längst vergessen ist. Gleichzeitig durchzieht die Geschichte des Landes eine lange Reihe politischer Attentate: gelungene von Abraham Lincoln bis John F. Kennedy, misslungene von Roosevelt bis Trump.
Heute erzeugt eine Paranoia die Gegenüberstellung von Demokratie und Demografie. Daraus entstehen Ängste vor „ethnischer Ersetzung“, vor „dem großen Austuasch“ oder Forderungen nach „Remigration“. Doch was wäre Sizilien ohne Phönizier, Griechen, Römer, Protoitalienier, Araber, Juden, Normannen, Spanier, Wikinger, Germanen, Franzosen, Spanier, Amerikaner oder andere historische Immigranten? Was wäre unser schönes Sizilien?
Ich schließe mit der Einladung zur Diskussion. Die folgenden Materialien werden sich – wie angekündigt – mit dem europäischen Kolonialismus in China (wo sogar das mikroskopische Italien eine kleine Kolonie in Tientsin unterhielt), mit einem Zeugnis von der ukrainisch-russischen Front, mit Gaza, Caracas, Karthago in Tunesien (Kontainermuseum) sowie mit The Last Supper / Global Project Frame 3.
